Schobergrund und Schweidnitz

Als Mama 1937 in diesem Haus geboren wurde, hieß der Ort Schobergrund und war ein kleines Bauerndorf, das später zu einem Ortsteil von Gnadenfrei wurde. Heute gehört das Dorf zu Polen, heißt Kośmin und ist ein Teil von Pilawa Górna.

Das Gebäude war die Dorfschule, Opa war der Schulleiter, seine Familie wohnte darum auf der rechten Seite im 1. Stock. Im Erdgeschoß rechts wohnte der zweite Lehrer mit seiner Familie, auf der linken Seite waren die zwei Klassenzimmer (1. - 4. Klasse und 5. - 8. Klasse).

Zur Schule gehörte ein Stall, dort war auch die Toilette. Im Haus gab es fließend Wasser vom Krug in die Schüssel, dazu einen Brunnen im Schulhof. Und hinter dem Haus ein großer Garten, das selbst angebaute Gemüse war nötig zum Lebensunterhalt. Getauft wurde Mama in der kleinen Kapelle des Dorfes. Die als evangelische Kirche damals innen sicher anders gestaltet war als die heute offensichtlich katholisch genutzte Kapelle. Opa hat bei Gottesdiensten auf dem Harmonium gespielt.

Schobergrund liegt in einem Taleinschnitt, für einen Blick über das Umland muss man den Ort verlassen. 

Schweidnitz

1941 wurde Opa als Lehrer nach Breslau versetzt, die Familie musste Schobergrund verlassen und siedelte um nach Schweidnitz, den Heimatort von Omas Mutter. Die Stelle in Breslau konnte Opa nicht sofort antreten, weil er von der Armee eingezogen war. Und so wohnten sie in zwei Zimmern zur Untermiete, ganz in der Nähe der Friedenskirche.

Opa und Oma wurden hier getraut und Mama wirkte Jahre später beim Krippenspiel als Engel mit. 

Dank vieler Spenden wird das riesige Gebäude Stück für Stück restauriert - was für eine prächtige Innenausstattung!

Mamas Schulweg ging über den Friedhof an der Friedenskirche und in den ersten Schultagen waren die Käfer und Blumen interessanter als die Schule… Die Wohnung war in diesem Haus im zweiten Stock, das Zimmer mit Balkon diente für alle als Schlafzimmer. Meine Uroma hatte auf dem Ring eine kleine Wohnung im Dachgeschoß des Hauses mit dem runden Giebelfenster.

Den Rathaus-Turm inmitten des Rings kann man “besteigen” (es fährt ein Fahrstuhl…), Mama war mit uns zum ersten Mal oben! In einer Seitenstraße vom Ring liegt das ehemalige Ursulinen-Kloster. Klosterschwestern von dort haben das Ursulinen-Gymnasium in Mannheim gegründet!

Die Kirche war offen, der restliche Komplex wird u. A. von einer Kanzlei genutzt.

Im Februar / März 1945 ist Mama mit Geschwistern, ihrer Mutter, Tante und Oma aus Schweidnitz zunächst nach Trautenau / Trutnov geflüchtet, dann weiter nach Marienbad / Mariánské Lázně. Dort hat sie ihr Vater (er war im Kriegseinsatz) irgendwann vor Kriegsende gefunden. Nach Kriegsende ist die ganze Familie zunächst nach Bayern gezogen und 1946 / 47 in das völlig zerbombte Braunschweig.

Eine richtige Wohnung hatte Mama erst wieder 1960 - es war die erste gemeinsame Wohnung mit Papa.

Aus Schlesien mitgebracht hat sie eine Puppe und die Vorliebe für Pfefferkuchen und andere Backwaren aus der Heimat.